Instabilität von Bedeutung
Peter Freitags künstlerische Arbeit entfaltet sich seit den späten 1990er-Jahren entlang eines konsequenten Interesses an Bildern als Träger von Absichten, Bedeutung, Projektion und Macht. Ausgangspunkt ist dabei stets das bereits existierende Bild als verdichteter Bedeutungsträger, der gesellschaftliche Vorstellungen, Begehren und Normen transportiert. Ein immer wiederkehrender Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk: Bedeutung ist niemals stabil, sie entsteht im Akt der Zuschreibung und kann ebenso leicht kippen, verschwinden oder ins Leere laufen. In diesem Spannungsfeld operiert Freitags Werk mit der Instabilität von Bedeutung: Bilder scheinen etwas Bestimmtes zu sagen, entziehen sich jedoch zugleich einer eindeutigen Lesbarkeit und eröffnen Räume für Projektion, Irritation und Neubewertung.
Bildmanipulation, Projektion und psychologische Aufladung (1998–2008)
Am Anfang steht das Spiel mit Bildern aus Werbung und Printmedien. In seinen Self-Portraits (1998–2008) montiert Freitag den eigenen Kopf auf idealisierte Werbekörper, überhöht und profanisiert zugleich. Renaissancehafte Ideale, Heiligenverehrung und zeitgenössische Werbeästhetik überlagern sich, während aus den Rasterpunkten der Vorlage resultierende Körnung die Künstlichkeit der Hochglanzbilder offenlegt.
Ähnlich wirken die Examples for Communication (1999–2002), in denen minimale digitale Eingriffe die Intention der Vorlagen verschieben und psychologische Spannung erzeugen. Der Betrachter wird Teil des Prozesses und aktiv in die Bedeutungszuschreibung einbezogen. Bereits hier trifft inszenierte, idealisierte Privatheit auf öffentliche Werbebilder und halböffentliche Bildräume wie Hotelinterieurs.
Scenes for Life (2006–2008) verschieben den Fokus von der manipulierten zur konstruierten Interaktion im Bildraum. Durch fotografisch simulierte Collage und Rekontextualisierung entstehen schein-narrative Szenen, die an die Logik von Daily Soaps erinnern: immer ähnliche Versprechen von Bedeutung, jedoch ohne tatsächliche Auflösung. Sinn wird permanent angedeutet, aber nie eingelöst – ein Bildraum im Modus des fortgesetzten Narrativs ohne Erzählung.
In diesen frühen Werkgruppen – Self-Portraits, Examples for Communication und Scenes for Life – wird bereits ein zentrales Spannungsfeld sichtbar: das Aufeinandertreffen von Alltäglichem und Kunst, von Trivialkultur und Hochkultur. Bilder mit scheinbar eindeutiger Funktion und Lesbarkeit werden in einen kunstspezifischen Kontext überführt, in dem ihre Bedeutungen instabil werden und neu verhandelt werden müssen.
Inszenierte Privatheit und öffentliche Bilder (2003–2008)
In der Mitte der 2000er-Jahre verstärkt Freitag den bereits in den Examples for Communication angelegten Fokus auf die Inszenierung von Privatheit und deren öffentliche Darstellung. Private Stages (2005–2008) entstehen als reine Handcollagen, die jedoch bewusst auf digitale Bildlogiken zurückgreifen. Hier werden private oder als privat inszenierte pornografische Vorlagen mit dem Locheisen ausgestanzt und neu collagiert. Die Arbeiten markieren einen ersten Schritt zurück zur analogen Arbeitsweise, ohne den Bezug zur digitalen Bildwelt aufzugeben.
Die Serie ebays (2003–2005) bildet innerhalb dieses Komplexes einen zentralen Bezugspunkt. Aus öffentlich zugänglichen Produktbildern einzelner Nutzer entstehen imaginierte Porträts. Ähnlich wie in Private Stages – wo beiläufig sichtbare Wohnräume im Hintergrund pornografischer Bilder einen unbeabsichtigten Einblick in Privatheit eröffnen – entsteht auch hier ein Bild des Privaten aus Nebensächlichkeiten: Einzelne Verkaufs- und Kaufobjekte geben einen ursprünglich nicht intendierten Einblick in Lebensumstände, Vorlieben und Routinen der eBay-Nutzer. Sichtbare Pixelstrukturen unterstreichen die Fragilität und Fragmentierung digitaler Identität.
Papercut und neuer Bildraum – Erosion von Bedeutung (2009–2012)
Ab 2009 vollzieht Freitag mit dem Blattformer-Projekt (2009/10) einen entscheidenden Wendepunkt. Die analoge Arbeit mit Papercuts aus Werbemagazinen erlaubt es, durch Entfernen von Bedeutungsträgern neue Bildräume zu schaffen. Zerstörung und Konstruktion greifen ineinander: Erst werden die Bildwelten zerlegt, dann aus den Fragmenten neue Ordnungen und Formen entwickelt. Die Blattformer-Werke wirken wie ein Fundus, ein visuelles Archiv für spätere Werkgruppen. In den Star- & Poster-Cuts (2011–2012) werden diese Prinzipien auf großformatige Arbeiten übertragen, wodurch die physische Präsenz der Werke verstärkt wird. Die konsequente Verschiebung vom Bild zur Objekthaftigkeit vollzieht sich jedoch erst später.
Schichtung, Reduktion und Auslöschung (seit 2011)
Mit Nihil Privativum (seit 2011), Beauty Free (2013/14) und shocked, I had no idea… (2012–2015) verdichtet sich Freitags Arbeit um Strategien der Schichtung und der gezielten Auslöschung. Mehrlagige Collagen erzeugen Tiefe nicht durch Addition, sondern durch Wegnahme. Bedeutung wird nicht gesetzt, sondern fragmentiert, verschoben und in der Leerstelle verortet. Die Titel öffnen eine lyrische Dimension, in der Oberfläche, Entzug und Projektion in ein spannungsvolles Gleichgewicht treten.
The Big Nothingness (seit 2013) nimmt innerhalb dieser Entwicklung eine besondere Stellung ein und markiert einen konzeptuellen Kulminationspunkt: Die Mittel werden radikal reduziert, Werbebilder werden ihrer zentralen Bedeutungsträger beraubt, Bildinformation gezielt ausgelöscht. Anders als die vielschichtigen Papercuts dient Collage hier nicht mehr der Verdichtung, sondern der Reduktion – Leerräume dominieren die Komposition und werden zu Projektionsflächen, in denen Bedeutung erst im Akt der Betrachtung entsteht. Durch individuell angepasste Rahmen tritt das Bild zudem deutlich als Objekt an der Wand hervor. Damit bildet The Big Nothingness die konzeptionelle Brücke zu den späteren Spiegel- und Auslöschungsarbeiten.
Spiegelung, Auslöschung und moralische Verschiebung (seit 2012)
In Egolove und Seven Ways to Win werden die zuvor entwickelten Strategien der Auslöschung und Bedeutungsverschiebung konsequent weitergeführt.
Egolove (seit 2013) integriert Spiegel als bildkonstitutive Elemente: Der Betrachter wird selbst Teil des Werkes und erkennt sich im Spannungsfeld von Bild, Raum und Reflexion wieder. Bedeutung entsteht hier weniger aus dem verbleibenden Bild als aus der Begegnung zwischen Werk, Spiegelung und Betrachtung.
Seven Ways to Win (seit 2016) radikalisiert diese Strategie. Durch die Umdeutung von Markennamen und das Entfernen der Bilder als zentraler Bedeutungsträger verschieben sich moralische und semantische Zuschreibungen. Frühere Schichtung reduziert sich auf Spuren, die nur noch durchscheinen. Der Bildraum wird zu einem offenen Feld für Projektion, in dem Bedeutung nicht festgeschrieben, sondern permanent infrage gestellt wird.
Sandy Candy (seit 2012) nimmt innerhalb dieser Werkphase eine bewusst parallel laufende Position ein. Während Auslöschung und Entzug lange als zentrale Strategien etabliert sind, arbeitet diese Werkgruppe wieder mit minimalen Eingriffen. Feine Kratzspuren legen sich als unscheinbare Interventionen auf das bestehende Bildmaterial und verkehren dabei die Bildabsicht. In ihrer Logik knüpft Sandy Candy an die frühen Examples for Communication an: Bedeutungsverschiebung wird nicht durch massive Umformung erzeugt, sondern durch kleine Eingriffe, die sich auf ein vorhandenes Bild aufsetzen. Die Arbeiten schlagen damit einen Bogen zurück zu Peter Freitags Anfängen und machen deutlich, dass der Gedanke minimaler Manipulation und der daraus resultierenden Instabilität von Bedeutung von Beginn an angelegt war und bis in die aktuellen Arbeiten fortwirkt.
Kontinuität im Wandel
Über alle Werkphasen hinweg bleibt ein konstanter Gedanke: Bedeutung entsteht im Zusammenspiel von Bild, Kontext und Betrachtung. Freitags Arbeiten liefern keine eindeutigen Aussagen, sondern erzeugen Situationen, in denen Sinn immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Durch Wegnahme, Verschiebung und Rekontextualisierung legt er die verborgenen Wirkweisen der Bilder offen – und verschiebt die Verantwortung für Bedeutung bewusst hin zum Betrachter. Die Werkschau zeigt eine kontinuierliche, sich verdichtende Untersuchung der Frage, wie Bilder Bedeutung erzeugen, verlieren und in ihrer Flüchtigkeit immer wieder neu hervorbringen.











































































